Schatten über Italien
"Grand Tour": Unter diesem attraktiven Titel hat der 24-jährige Marco Campanini aus Fidenza elf Fotos zusammengestellt, Fotos, die er von Abbildungen italienischer Orte in alten Büchern genommen hat.
Die Orte, sagt der Künstler, seien eigentlich gleichgültig. Trotzdem: was sieht man? Insektenkleine Dreimaster unten in einer Bucht, erhellt wie in gewittrigem Licht, während die linke Hälfte des Bildes mit einer zu einem Bergkegel aufschwellenden Küste - vielleicht der Vesuv - in herannahendem Schatten liegt. Ist es eine Regenwand? Biegen sich die Pinien und Palmen im beginnenden Sturm? So halten wir uns an den Inhalt, wo es doch eher um die Methode geht.
Oder: auf einem Gestell neben hohen Bäumen klettert ein Mann (der Maler?). Wir blicken neben ihm hinab auf eine sonnige Bucht - und erinnern uns an die Spotlights von Jacob Ruisdael aus der großen Zeit der niederländischen Malerei. Diesmal ist das Oben und Unten verschattet. Oder: ein riesiger durch die Fotolinse verzerrter rundlicher Platz, auf dem wie in Liliput Kutschen fahren und Reiter traben, unter einem streifigen Schleier, der anscheinend gerade fortgezogen wird.
Alle Motive erscheinen durch den Kontrast von überlagernden Schatten und hellem Ausschnitt unerreichbar weit entfernt, oft in schräger, bewegter Sicht, als blicke man aus einem Flugzeug. Die Verschattungen seien, so der Künstler, Spuren einer Transformation - vielleicht der vierfachen Übersetzung des Blicks: Ein Künstler schuf einst die Abbildung eines Stücks Italien, die ein zweiter als Illustration einer Reise in ein Buch übertrug, eine Illustration, von der drittens Marco Campanini ein Foto nahm, das wir viertens nun hier betrachten.
Der Blick auf einen Blick auf einen Blick auf einen Blick. Wir sehen durchaus suggestiv gestaltete Ausschnitte aus der "Grand Tour", jener manchmal Jahre dauernden Bildungsreise junger englischer Aristokraten nach Italien. Besonders für das 18. Jahrhundert waren die Trümmer der Antike faszinierend, nicht nur wegen ihrer Ästhetik, sondern auch als Zeugnisse eines untergegangenen Imperiums: Schönheit und - Macht. Die mediterrane Landschaft war für die Nordmenschen exotisch. Die Grand Tour war ein weit-sichtiges Erziehungspogramm, des Sehens im Besonderen. Zum Pflichtbesuch gehörten Venedig, Florenz, Rom und Neapel. Es entstand ein Italienbild mit pittoresken Ruinen, ein Klischee, das über dem Bildungsgut die aktuellen politischen und sozialen Verhältnisse mehr oder weniger ausblendete. Diese Perspektive bildet die Basis für den Blick des Bildungstouristen noch heute. Es ist ein hochgradig abstrahierender Blick: ein Klischee von bella Italia.
Johann Caspar Goethe, Genie-Vater und nüchterner Frankfurter, fand allerdings schon 1740 allerhand auszusetzen. Hat die Verschattung der Grand Tour vielleicht sogar einen kritischen Aspekt?
Burkhard Brunn